Was ist der Relative Age Effect (RAE)?

Der Relative Age Effect (RAE) ist ein Phänomen, welches verstärkt bei Mannschaftssportarten, wie Fußball zu beobachten ist. Bei der Zusammenstellung der Nachwuchsteams werden dabei früher geborene Kinder und Jugendliche bevorzugt.

Dadurch werden automatisch die Kinder vernachlässigt, die später im Auswahlzeitraum geboren sind. Beim Fußball etwa ist der Stichtag jeder Altersklassen der erste Januar. Da die Frühjahrskinder einen natürlichen Vorsprung bezüglich Größe, Kraft und koordinativer Fähigkeiten besitzen, können sie sich besser durchsetzen und leichter in den Vordergrund spielen.

Nun sind Begabungen aber unabhängig von Jahreszeiten und Talent verteilt sich über das ganze Jahr.

Bei Betrachtung der Geburtenraten aus den letzten Jahren lässt sich erkennen, dass der geburtenstärkste Zeitraum zwischen Juli und September, also in der zweiten Jahreshälfte liegt.[1] Durch den Relative Age Effect bleiben die Talente der späten Sommer- und Herbstmonate oftmals unerkannt oder werden vernachlässigt.

Bei der Sichtung der Talente eines Jahrgangs herrscht somit keine Chancengleichheit, sondern ein Chancenvorteil für früher geborene Kinder!

Marco Henseling vom Fußballportal Spielverlagerung.de hat in seinem Beitrag vom 31.03.2016 das Relative Age Problem wie folgt beschrieben: „Vergleicht man einen Spieler, der am 01.01. geboren wurde, mit einem Spieler, der am 31.12. desselben Jahres auf die Welt kam, liegen 364 Tage zwischen beiden. Im Alter von zehn Jahren entspricht dieser Unterschied einem Zehntel an Lebenserfahrung.“[2]

Der Artikel von Marco Henseling zeigt ebenfalls, dass der Relative Age Effect kein theoretisches Problem ist, sondern durch verschiedene Untersuchungen und Statistiken gestützt wird. In der Saison 2015/2016 waren beispielsweise 47,5% der U17 Bundesliga-Spieler im ersten Quartal geboren. Ein erschreckender Wert!

Welche Ursachen hat der RAE

Der Relative Age Effect hat verschiedene Ursachen. Ein paar Aspekte werden nun etwas genauer betrachtet.

#1 Fehlende Erfahrung der Trainer

Natürlich spielt Unerfahrenheit eine wichtige Rolle. Viele Kinder- und Jugendtrainer sind sich des RAE schlicht und einfach nicht bewusst.

Diese Übungsleiter sind in ihrer täglichen Trainingsarbeit so sehr „gefangen“, dass sie den Blick über den Tellerrand vernachlässigen. Oft ist dies bei unerfahrenen oder jungen Trainern der Fall.

#2 Erfolgsdenken

Ein Punkt, den ich schon oft auf meinem Blog angesprochen habe, ist das falsche Erfolgsdenken vieler Trainerkollegen.

Im Nachwuchsfußball geht es primär um die Ausbildung aller Spieler und dazu braucht es Chancengleichheit!

Viele Trainer legen den Schwerpunkt aber ausschließlich auf das Gewinnen. Das funktioniert natürlich besser mit Kindern, die bereits einen natürlichen Vorsprung bezüglich Schnelligkeit und Robustheit mitbringen.

#3 Spielfeldgrößen

Die Spielfeldgrößen im Nachwuchsfußball sind nicht immer zum Vorteil der kleineren Kinder!

Gerade der Übergang auf das Großfeld, also während der C-Jugend ist hierbei kritisch zu betrachten.

Vor allem bei den Jungs gibt es in diesem Alter extreme Unterschiede in Größe und Kraft. Viele talentierte Spieler werden nun vernachlässigt und kaum noch eingesetzt, weil sie die körperliche Mehrbelastung nicht mehr durch ihr Talent am Ball ausgleichen können.

Auswirkungen des RAE im Leben eines Fußballtalentes

Der Relative Age Effect hat mehrere, negative Auswirkungen auf die fußballerische Entwicklung unserer Kinder.

Bereits vorher in diesem Artikel habe ich auf einen Blog auf Spielverlagerung.de verwiesen, der besagt, dass in der Saison 2015/2016 beinahe 50% der Spieler der B-Junioren-Bundesliga im ersten Quartal geboren sind. Viele, später geborene Talente, werden durch die Nachwuchsleistungszentren somit schlicht und einfach ignoriert.

Doch den Nachwuchsleistungszentren alleine den schwarzen Peter zuzuschieben wäre nicht richtig. Schon bei den Kleinsten wird nicht objektiv genug gesichtet und somit zu früh aussortiert – und zwar nicht nur in Leistungszentren, sondern oft schon in kleinen Amateurvereinen!

Allein dadurch beginnen schon viel weniger Herbstkinder mit dem Fußballspielen oder hören innerhalb der ersten zwei Jahre wieder damit auf. Sie fallen schon als 6-Jährige wegen dem falschen Leistungsdenken vieler Trainer durch das Raster!

Die nächste Selektion im Leben eines Fußballkindes ist die Zeit, in denen die Nachwuchsleistungszentren die Kinder scouten oder besondere Talente durch die DFB-Stützpunkte gefördert werden. Durch den Relative Age Effect werden hier oft die „falschen“ Talente bevorzugt. Sie gewinnen dadurch einen Vorsprung bei ihrer Entwicklung, den die „eigentlichen“ Talente nur schlecht wieder aufholen können.

Doch nicht nur Spätgeborene können zum Opfer des RAE werden. In der Pubertät werden die Karten neu gemischt!

Die einen wachsen schneller, die anderen langsamer und werden dann eventuell ebenfalls benachteiligt.

Zwei solche Beispiele sind Marco Reus und Kevin Großkreuz.

Beide fielen als B-Jugendliche beim BVB wegen ihrer körperlichen Schwäche durch das Raster. Wer weiß, was aus ihnen passiert wäre, hätte der verhältnismäßig kleine Verein Rot Weiß Ahlen nicht an sie geglaubt und sie fußballerisch weiter entwickelt.[3]

Eine weitere, nicht unerhebliche Auswirkung zeigt sich beim Verletzungsrisiko!

Da die körperliche Belastung in der Ausbildung der Talente oft auf die Athletik der stärkeren Spieler ausgerichtet ist, steigt das Verletzungsrisiko der relativ jungen und körperlich schwächeren Spieler. Sie erleiden dadurch häufiger Verletzungen. Der damit zusammenhängende Trainingsrückstand bremst ihre Entwicklung zusätzlich.

Wie es richtig geht

Es gibt mehrere Ideen und Modelle um effektiver mit dem RAE umzugehen. An dieser Stelle soll nur eine kleine Auswahl daraus vorgestellt werden.

#1 Johann Cruyff und Pep Guardiola

Eine Möglichkeit um die Nachteile des Relative Age Effect in eine Stärke umzuwandeln, zeigte uns Johann Cruyff als Trainer des FC Barcelona.

Cruyff suchte bewusst nach körperlich unterlegenen Spielern, da diese seiner Meinung nach die körperlichen Nachteile durch eine verbesserte Technik, Taktik und Spielintelligenz ausgleichen.

Auf dieser Basis förderte er Talente wie Pep Guardiola und setzte neu Maßstäbe bei La-Masia, der bekannten Fußballschule des FC Barcelona.[4]

#2 Das Schweizer Modell

Die Schweiz und andere kleinere Fußballnationen haben im Relative Age Effect eine Chance erkannt.

Aufgrund ihrer geringeren Bevölkerungsanzahl haben sie einen quantitativen Nachteil an Talenten gegenüber größeren Fußballnationen mit einer höheren Bevölkerungsanzahl. Diesen Nachteil versuchten sie ein Stück weit auszugleichen, indem sie ihre Talentförderung unter Berücksichtigung des RAE verbesserten.

Basierend auf verschiedenen Studien, Vergleichen und Untersuchungen erkannten die Schweizer Verantwortlichen, dass[2]

  1. Ergebnisse sportmotorischer Tests, z.B. die Zeitnahme eines Tempodribblings, zu isoliert Ergebnisse liefern, um daraus Rückschlüsse auf die Spielfähigkeit eines Kindes herzuleiten
  2. Leistungen aus dem frühen Nachwuchsalter, aufgrund zu vieler Einflussfaktoren bezüglich der psychosozialen und körperlichen Entwicklung, kein verlässlicher Indikator für die weitere Entwicklung des Talentes darstellen

Der Schweizer Fußballverband entwickelte aus diesem Grund ein eigenes Sichtungs- und Förderkonzept mit dem Namen FOOTECO.

Bei FOOTECO werden Talent ab dem Alter von 11 Jahren systematisch und über einen längeren Zeitraum gesichtet und begleitet. Die Selektion erfolgt dann mit dem Alter von 15 Jahren.

Ob FOOTECO wirklich erfolgreich sein wird, kann aber erst in ein paar Jahren beurteilt werden.

#3 Weitere Ideen

Neben den beiden, oben genannten Möglichkeiten gibt es zusätzlich eine ganze Anzahl weiterer Ideen zum Umgang mit dem Raltive Age Effect.

Wiederum in der Schweiz werden oder wurden beispielsweise auch diese Punkte diskutiert:[5]

  • Spielen in kleineren Altersklassen, beispielsweise Halbjahresklassen
  • Berücksichtigung von Quoten
  • Organisation der Kinder- und Jugendmannschaften nach Größe und Gewicht

Zusammenfassung

Der Relative Age Effect begünstigt den natürlichen Entwicklungsvorsprung von früh-geborenen Kindern und Jugendlichen gegenüber spät-geborenen Spielern der gleichen Altersklasse. Somit verhindert er eine Chancengleichheit für alle Talente.

Die früher geborenen Spielern können ihre natürlich weiterentwickelten Fähigkeiten zum Sichtungstag besser nutzen, da die Talentsichtung das biologische Alter der Kinder zu wenig beachtet. Viele wirkliche Talente werden deswegen nicht gefördert.

Damit in Zukunft nicht mehr so viele Talente benachteiligt werden, muss vor allem bei vielen von uns Kindertrainern ein Umdenken beginnen. Aber auch die Nachwuchsleistungszentren und Verbände stehen hier in der Pflicht.

Ein paar Lösungsansätze und Ideen, um mit dem RAE umzugehen, existieren bereits. Es gilt sie weiter zu entwickeln oder, wie am Beispiel von Johann Cruyff und Pep Guardiola zu sehen ist, einfach in die Tat umzusetzen.

Quellen

[1] https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/Bevoelkerung/Bevoelkerungsbewegung/BroschuereGeburtenDeutschland0120007129004.pdf, Abruf: 24.09.2017
[2] http://spielverlagerung.de/2016/03/31/wer-zu-spaet-kommt-den-bestraft-der-verband, Abruf: 24.09.2017
[3] https://www.mfsfussballtraining.tv/blog/werden-unsere-talente-fair-beurteilt, Abruf: 24.09.2017
[4] http://werkstatt-blog.de/2016/04/jeder-nachteil-hat-einen-vorteil-was-wir-von-johan-cruyff-fuer-den-jugendfussball-lernen-koennen, Abruf: 25.09.2017
[5] https://www.mobilesport.ch/aktuell/talente-gnade-der-fruehen-geburt, Abruf: 02.10.2017