Bestrafung ist nicht mehr zeitgemäß – aber noch allgegenwärtig

In einem Fußballforum las ich letztens diesen Satz:

„Unser Trainer lässt die Kinder (es handelt sich um Kinder zwischen 5 und 7 Jahren) am Anfang des Trainings immer in einer Reihe aufstellen und lässt die da auch ziemlich lange so rumstehen. Wenn jemand „aus der Reihe tanzt“ oder zu spät gekommen ist, dann müssen diese Kinder vor den Augen aller anderen und der Eltern Liegestützen machen, die anderen Kinder stehen weiterhin in der Reihe und schauen zu.“

Quelle: https://www.urbia.de/archiv/forum/th-4607402/fussballtraining-f-jugend-und-bestrafung.html (Abruf: 10.09.2017)

Das es sich hierbei um absoluten Schwachsinn handelt, entschuldige aber ich muss bei so etwas mal wirklich direkt sein, sollte allen klar sein!

5 bis 7-jährige Kinder sind Bambinis! Sie wollen sich einfach bewegen und unbekümmert spielen – nicht mehr aber auch nicht weniger.

Sie können gar nicht lange auf einer Stelle still stehen. Stillstehen ist kein natürliches Verhalten eines Kindes in diesem Alter!

Auch das „zu spät kommen“ zu bestrafen, ergibt keinen Sinn. Pünktlich oder unpünktlich zu sein ist in diesem Alter eine Sache der Eltern.

Wer weiß schon, aus welchem Grund die Eltern das Kind zu spät bringen? Vielleicht sind es ja berufliche Gründe. Soll ein Kind deswegen bestraft werden?

Ich bedauere es sehr, dass es Vereine gibt, die unsere Kinder in die Betreuung solche Trainer geben!

Über strenge Disziplin und was wir eigentlich wollen

Überzogene Disziplin und Bestrafung in der Erziehung ist ein Überbleibsel aus einer alten, autoritären Gesellschaft, die mittlerweile 100 Jahre hinter uns liegt. Die Könige und Kaiser wollten gehorsame Untertanen. Durch Drill und Strenge hat die Gesellschaft diese Untertanen geliefert.

Aber was wollen wir heute im Fußball?

Wir wollen Kinder, die Spaß am Spiel haben und dadurch motiviert sind und möglichst lange dabei bleiben! Wir möchten in unseren Kindern die Leidenschaft am Fußball wecken und wir wollen kreative Spieler ausbilden!

Bestrafungen und Schimpfen erzeugen eine Atmosphäre der Angst. Angst vor Konsequenzen, wenn einem Kind ein Fehler unterläuft. Aber Fehler gehören zum Lernprozess dazu. Aus Fehlern lernen die Kinder am meisten.

Durch eine angstvolle Atmosphäre bekommen die Kinder Furcht davor, etwas zu wagen oder etwas Besonderes auszuprobieren. Furcht davor, ins eins gegen eins zu gehen, Angst den Risikopass zu spielen, Panik vor der Ballannahme.

Mit Angst bilden wir Antifußballer aus. Antifußballer wollen den Ball so schnell wie möglich wieder abgeben. Fußballer dagegen fordern das Leder und machen dann tolle Dinge mit der Pille!

Antifußballer zerstören! Fußballer sind kreativ und erschaffen!

Loben statt Schimpfen

Permanentes Tadeln und das Erzeugen von Angst behindern den Lernprozess und schaden dem Selbstvertrauen der Kinder. Die Ausbildung der jungen Fußballer wird dadurch gebremst.

Meckern ist für den Trainer der einfachste Weg mit einer negativen Situation umzugehen. Um den Kindern aber kein Selbstvertrauen zu nehmen und sie in ihrem Lernprozess weiter zu bringen, sollte der Trainer zwei andere Dinge Machen:

  1. Die Situation analysieren und daraus Lernen
  2. Die positiven Dingen hervorheben und die Kinder Loben

Wie das geht erkläre ich in den folgenden Abschnitten.

#1 Fehler sind zum Lernen das

Eine wichtige Aufgabe des Trainers besteht darin, Fehler und Schwächen seiner Mannschaft zu identifizieren und sie als Ausgangspunkt eines Lernprozesses zu nutzen. Er muss also Spielsituationen analysieren und daraus die richtigen Maßnahmen, in Abhängigkeit des Alters der Kinder, ableiten.

Aus der Praxis

Hier ein typisches Beispiel bei meiner F-Jugend: Im Training übten wie verschiedene Finten. Diese Finten forderte ich im Spiel ein. Daraufhin spielten die Kinder sehr ich-bezogen und fintierten auch vor dem eigenen Strafraum anstatt den Ball an den freien Spieler abzugeben. Auf diese Weise verloren wir im nächsten Spiel zweimal einen entscheidenden Ball und kassierten zwei Gegentore.

Da ich als Trainer die Finten selber einforderte, hatte ich an diesem Punkt einfach kein „Recht“ die Kinder für diese Gegentore verantwortlich zu machen. Da sie generell versucht haben die gelernten Finten im Spiel einzusetzen bekamen sie von mir im ersten Schritt viel Lob zugesprochen.

Im nächsten Training haben wir in Ruhe besprochen, wo wir am Besten fintieren können, damit die beiden Gegentore nicht mehr passieren. Wir besprachen dabei verschiedene Positionen und Zonen im Spiel.

Vor dem nächsten Spiel habe ich dann beides bei unserer Mannschaftsbesprechung vom Team eingefordert: also Fintieren bei gleichzeitiger Beachtung der Position und Zone auf dem Spielfeld.

Auf diese Weise wuchs das taktische Verständnis der Spieler. Sie lernten durch ihre Fehler und die anschließende Auswertung, dass Fintieren nicht überall „sicher“ ist.

Das Prinzip lautet also Lernen statt Tadeln!

#2 Das positive sehen und die Kinder Loben

Gehen wir nun etwas weg vom eigentlichen Lernprozess und schauen uns an, was bei einem Lob im menschlichen Gehirn passiert. Das Ergebnis ist beeindruckend und wirkt wie ein Turbo für die Entwicklung der Kinder!

Mündliches Lob ist die wahrscheinlich einfachste Form von Belohnung. Jeder Mensch möchte gelobt werden und Kinder im Vorschul- und Grundschulalter sollten besonders oft gelobt werden. Sie sind im ständigen Vergleich mit Gleichaltrigen und benötigen deswegen extra viel Zuspruch und Ermutigung.

Besonders interessant dabei ist, was in Moment eines Lobes oder einer Belohnung im menschlichen Körper passiert (die nachfolgenden Ausführungen sind als vereinfachte Beschreibung verschiedener, komplexer Prozesse des menschlichen Hirns zu verstehen).

Bei einem Lob wird im Körper Dopamin ausgeschüttet. Dopamin ist ein Botenstoff unseres Gehirns der das Glücksempfinden und die Kreativität steigert.

Wenn genug Dopamin ausgeschüttet ist, reagiert ein Belohnungssystem im Hirn und setzt Endorphine frei. Diese wiederum mindern Erschöpfungssyndrome und sorgen so für die „zweite Luft“.

Dopamin und Endorphine werden umgangssprachlich auch als Glückshormone bezeichnet. Sie sorgen für eine Art Rausch in Körper und Hirn.

Und da der Körper möglichst oft diesen Rausch empfinden möchte, strengen sich kleine Kinder nach Lob besonders an ohne eigentlich zu wissen warum: sie wollen immer wieder glücklich sein.

Vereinfacht ausgedrückt: durch viel Lob können wir die Kinder in eine Aufwärtsspirale bringen, die Kreativität, Einsatz sowie die Freude am Spiel fördert und dadurch als Turbo des Lernprozesses zu verstehen ist.

Wie Du belohnen kannst

Stellt sich nun als Nächstes die Frage, wie kann der Coach dieses Belohnungssystem im Gehirn optimal ansprechen? Hier sind vier einfache Beispiele aus der Praxis.

#1 Lob des Trainers

Das Einfachste ist natürlich ein mündlich ausgesprochenes Lob des Trainers. Ich versuche meine Kinder möglichst viel zu loben:

  • Bei einer gelungenen Aktion im Training oder im Spiel
  • Nach einem Tor oder einem finalen Pass
  • Bei fairen Gesten zu Mit- und Gegenspielern

Ein Lob kann natürlich auch in Form einer handfesten Belohnung ausfallen. Wenn die ganze Mannschaft sich reingehangen hat, spendiere ich oder die Eltern auch schon Mal eine Runde Eis.

Das hat den schönen Nebeneffekt, dass die Kinder nach dem Spiel noch ein paar Minuten länger zusammen sind und gemeinsam die Belohnung erleben, was wiederum den Mannschaftsgeist stärkt.

#2 Beifall der Eltern

Von meinen Eltern erwarte ich, dass sie sich mit Zwischenrufen zurück halten und die Kinder frei spielen lassen.

Dabei lege ich aber auf eine Ausnahme wert: Beifall und Jubel. Beifall der eigenen Eltern stellt für die Kinder eine besondere Anerkennung dar! Kinder merken es, wenn die Eltern stolz auf sie sind! Das macht sie stark und gibt ihnen Mut.

Wenn meine Jungs ein Spiel gewonnen haben laufen sie geschlossen zu den Eltern, stellen sich fünf Meter vor ihnen in einer Reihe auf und lassen sich bejubeln. Die Eltern klatschen und grölen und die Jungs springen und spritzen mit ihren Wasserflaschen in die Luft.

Für die Kinder ist das wie ein Rollenspiel. Es ist so, als gewinnt ihre Lieblingsmannschaft eine Bundesliga-Partie und ihre Vorbilder lassen sich in der Fankurve feiern. Nur, dass sie selber jetzt die Stelle ihrer Idole einnehmen.

#3 Young Rebel des Monats

Quelle: „Fussball Training Junior“, 02/16, S.47
Dieses besondere Belohnungssystem stammt aus der Jugendabteilung des FC St. Pauli.

Damit im Training eine andauernde und motivierende Wettkampfsituation erzeugt wird, gibt es eine besondere Auszeichnung: den „Rebell des Monats“.

Dabei können Kinder in verschiedenen Wettkämpfen, Spielen, Staffeln und Übungen Punkte sammeln. Wer am Ende des Monats die meisten Punkte hat, wird zum Young Rebel des Monats gekürt und bekommt ein gerahmtes Bild.

Meine Ableitung: Kapitänspunkte

Mir hat das System des FC St. Pauli so sehr gefallen, dass ich eine eigene Abwandlung kreiert habe.

Bei meinem System gewinnen die Kinder Kapitänspunkte.

Die Idee dahinter ist ähnlich: alle Kinder der Mannschaft, die das Trainingsspiel gewinnt, bekommt einen Kapitänspunkt. Ebenso bekommen die Kinder, die besonders auffällig waren und gut trainiert haben, einen solchen Punkt.

Auch nach dem Spiel am Wochenende vergebe ich diese Punkte. Kinder, die mir besonderer Leistung gezeigt haben belohne ich mit einem Extrapunkt. Und wenn wir als Trainingsschwerpunkt Fintieren hatten und ein Kind im Spiel mit einer technisch guten Finte einen Gegner ausnimmt, bekommt das Kind ebenfalls einen Punkt.

Am Ende des Monats zähle ich dann die Punkte zusammen. Der Sieger darf im nächsten Monat mit der Kapitänsbinde auflaufen.

Konflikte

Belohnungssystem hin oder her. Natürlich gibt es immer wieder Konfliktpotential mit Kindern in jungen Jahren.

Dies hat mehrere Gründe:

  • Kinder versuchen immer, ihre Grenzen auszureizen und überschreiten sie dabei auch oft.
  • Kinder im jungen Schulalter sind emotional, ichbezogen und direkt. Beim Umgang miteinander kann dies oft zu Konflikten führen.
  • Kinder haben feine Antennen, was Emotionen angeht. Kommt der Trainer gereizt und mit schlechter Laune zum Training, färbt das automatisch auf die Kinder ab.
  • Auch Kinder haben „einen Arbeitstag“ hinter sich, wenn sie zum Training kommen. In der Schule läuft nicht immer alles rund und es kann sich Frust, zum Beispiel wegen schlechten Noten oder erfahrenen Ungerechtigkeiten, aufstauen

Es wird immer Konflikte und Disziplinlosigkeiten geben. Entscheidend ist, wie wir als Trainer damit umgehen!

An dieser Stelle müssen wir uns klar sein: Als Trainer haben wir auch einen Erziehungsauftrag!

Mit sofortigen Bestrafen und Sanktionieren, werden wir das Kind nicht erreichen. Im Gegenteil: Das Kind wird resignieren, sich auch weiterhin falsch benehmen und letzten Endes der Mannschaft oder dem Verein den Rücken zuwenden.

Seien wir also Positiv und bringen wir den Kindern bei, sich in einem Team einzuordnen!

Wie der Trainer bei Disziplinlosigkeiten reagieren sollte

Dabei müssen wir unterscheiden zwischen kleineren Fehlverhalten, Disziplinlosigkeiten oder mangelnden Einsatz auf der einen Seite und schweren Vorfällen wie grob unsportlichen Verhaltens oder absichtlichen, rüden Fouls auf der anderen Seite.

Bei kleinen Disziplinlosigkeiten, wie beispielsweise dem Stören der Trainingseinheit, unterbreche ich die Übung und versuche sachlich auf das Kind einzureden. Spätestens beim zweiten Mal haben das die Kinder auch meistens verstanden.

Dabei setze ich bei Grundschülern bewusst schon auf sachliche Argumente. Die Kids verstehen oft schon mehr, als wir Erwachsenen glauben.

Aus der Praxis

Einige Kinder meines Teams waren nach einem Sieg sehr respektlos mit dem gegnerischen Team umgegangen und sangen Schmählieder. Meine Co-Trainerin und ich haben das in der ganzen Gruppe angesprochen und die Kinder gefragt, wie sie sich wohl fühlen würden, wenn der Gegner das mit ihnen machen würde.

Auch hier haben wir versucht sachlich auf die Kinder einzuwirken und sie in einem Dialog zu erreichen anstatt einfach zu bestrafen. Mit Erfolg – die Schmählieder hörten auf.

Beim FC St. Pauli werden bei Fehlverhalten übrigens Punkte für die Wertung des Young Rebel des Monats abgezogen. Auch das ist eine gute Maßnahme.

Eine weiter Möglichkeit ist eine „sanften Bestrafung“, wenn ein Kind den Trainingsbetrieb gestört hat. So könnte dieses Kind nach dem Training beispielsweise das Trainingsmaterial einsammeln und wegschaffen.

Eine etwas alternative Idee habe ich letztens von einem anderen Verein gehört. Dort müssen die Eltern bei bestimmten Dingen einen Kuchen backen. Das hört sich zwar nett an, doch ich frage mich, wie ich auf diese Weise das Kind erreiche?

Wie der Trainer bei schweren Vergehen reagieren sollte

Irgendwann ist das Maß natürlich voll! Wenn wir davon reden, den Kindern Selbstvertrauen zu geben und sie nicht bei jeder Kleinigkeit zu bestrafen, muss den Kindern aber auch klar sein, das es klare Grenzen gibt!

Werden diese Grenzen zu oft überschritten muss der Trainer konsequent sein und Maßnahmen ergreifen!

Eine Möglichkeit ist hier, nach dem Kartenprinzip vorzugehen. Der Trainer kann dem Kind dabei die gelbe oder die rote Karte zeigen.

Die gelbe Karte bedeutet dann eine Verwarnung. Eine zweite gelbe Karte bedeutet für das Kind die Beendigung des Trainings.

Eine glatte, rote Karte bedeutet neben dem Ende des aktuellen Trainings auch eine Sperre für das nächste Training oder das nächste Spiel.

Wichtig ist hierbei, dass der Trainer dies für alle Kinder gleichermaßen konsequent durchzieht. Kinder haben einen großen Gerechtigkeitssinn. Wenn der Trainer mit zweierlei Maß vorgeht und bei seinem Lieblingskind eventuell ein Auge mehr zudrückt, fühlen sich andere Kinder benachteiligt und der Trainer verliert an Vertrauen.

Zudem müssen die Maßnahmen vorher angekündigt werden. Ich kann keine Karte oder ein Ausschluss aus dem Training aussprechen, ohne mit den Kindern vorher über solche Konsequenzen gesprochen zu haben.

Verhaltensregeln

Eine weiter, sinnvolle Maßnahme ist das Aufstellen von prinzipiellen Verhaltensregeln. Diese Regeln sollten aber immer gemeinsam mit den Kindern erarbeitet werden. Am Besten zu Beginn einer Saison.

Solche Regeln könnten sein:

  • Ich verhalte mich stets respektvoll gegenüber meinen Mitspielern und meinen Gegnern
  • Wenn der Trainer spricht, sind die Kinder still und hören zu
  • Ich sage rechtzeitig ab, wenn ich nicht zum Training kommen kann
  • Ich werde niemals absichtlich foulen oder meinen Gegenspieler absichtlich verletzen

Über solche Regeln kann man übrigens auch gut die Eltern erreichen. Wenn die Kinder festlegen, dass die Eltern auf dem Sportgelände nicht mehr Rauchen sollen, halten sich diese in der Regel auch daran 😉

Eine kurze Zusammenfassung

  1. Überhöhte Strenge, Bestrafungen und harte Kritik sind im Kinderfußball nicht mehr zeitgemäß. Sie hindert den Lernprozess der Kinder und erzeugen ein Klima, in welchem weder die Kreativität noch der Mut der Kinder gefördert wird. Im schlechtesten Fall verlieren die Kinder die Lust am Sport und verlassen den Verein.
  2. Ein guter Kindertrainer analysiert das Spiel seiner Mannschaft, lobt die positiven Dinge und nutzt die Schwächen um daraus einen Lernprozess für die Kinder einzuleiten.
  3. Bei Disziplinlosigkeiten und schlechtem Verhalten der Kinder muss der Trainer allerdings eingreifen. Konflikte wird es zwischen Kindern immer geben, das liegt in ihrer Natur des ständigen Wettbewerbes untereinander.
  4. Der Trainer muss solche Dinge analysieren und je nach schwere des Konfliktes oder der Disziplinlosigkeit handeln. Wichtig hierbei ist aber auch, die Kinder mit einzubeziehen. Dies kann beispielsweise durch das gemeinsame Aufstellen von Verhaltensregeln geschehen.

Quellen

https://www.big-direkt.de/de/ratgeber/vorsorge/work-life-balance/glueckshormone.html
Young Rebel des Monats: „Fussball Training Junior“, 02/16, S.47